Premium-Auftritt: auf dem letzten Meter krepiert

Messestände sind Bauten auf Zeit. Sie haben einen klaren Zweck und werden entsprechend nach wenigen Tagen wieder abgebaut. Wahrscheinlich würden mir viele Branchenkollegen zustimmen, wenn ich sage, dass dieses Kommunikations- konzept einen roten Faden in allen Facetten haben sollte. Das gilt auch für die Gastlichkeit. Aber anscheinend sehen das nicht alle so.

Ich stehe in der Messehalle vor einem architektonischen Meisterwerk. Fast 9 Meter hoch, LED-Wände, die viel Geld gekostet haben, und ein Bodenbelag, so flauschig wie in einem Wellness-Hotel. Man spürt das Investment in jeder Faser. Hier soll Qualität verkauft werden.
Dann der Blick auf den Bartresen: Eine offene Plastikschale mit fahlen Mais-Flips, daneben Wasser in der Einwegflasche vom Discounter und stapelbare Kunststoffbecher.

In diesem Moment bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Für mich zumindest.

Der Stand schreit Premium. Der Bar-Tresen flüstert Discounter.

Der Aussteller investiert sechsstellige Beträge in Architektur – aber nur Centbeträge in das, was Menschen tatsächlich anfassen.
Wer Premium baut und Plastik serviert, riskiert meiner Meinung nach, einen Wahrnehmungsbruch der eigenen Positionierung.

Ich frage mich:

„Reicht es aus einen gut gestalteten Messestand zu bauen um erfolgreich zu sein und kann man den Messebesucher dann mit einer völlig anderen Qualitäts-Welt konfrontieren?“

Eine häufige Antwort ist:

„Das brauchen wir hier nicht. Wir sind hier schließlich auf einer Messe.“

Stimmt. Wir sind auf einer Messe. Aber meine Schlussfolgerung ist eine völlig andere:
Gerade weil wir auf einer Messe sind – in einem Umfeld voller Lärm, Hektik und digitalem Overkill – ist die Qualität des analogen Empfangs die einzige Währung, die wirklich zählt.

Gastlichkeit ist der einzige Kontaktpunkt, der nicht digitalisiert werden kann. Genau deshalb wirkt er stärker als jede LED-Wand. Wer glaubt, qualitative Gastfreundschaft auf einer Messe „nicht zu brauchen“, der hat das Prinzip „Messe“ meiner Meinung nach nicht verstanden.

Dabei rede ich nicht von den kleinen 15-Quadratmeter-Ständen, die mit begrenzten Mitteln das Beste aus ihrem Messeauftritt herausholen. Nein, ich staune bei den größeren Ständen – 100, 300 oder mehr Quadratmeter Fläche. Wie kann man bei dieser Größe die Diskrepanz zwischen Design, Haptik und Gastlichkeit so ignorieren? Plastikbecher am Stand lösen vielleicht ein logistisches Problem aber sie sind auch ein kulturelles Statement. Denn was sagt das eigentlich über die Unternehmenskultur aus?

Mein Vergleich: Wie empfange ich meine Gäste zuhause?

Wenn ich daheim Gäste zu einem besonderen Anlasse empfange, dann mache ich mir Gedanken und überlege, was man zur Begrüßung reicht, welches Glas man hinstellt und ob der Snack zum Anlass passt. Zumindest bei besonderen Anlässen, richtig? Und die Messe ist ja ein besonderer Anlass, oder?
Kurzum: Selbst ich als Vertriebler meiner eigenen Dienstleistung halte mich von diesen lieblosen Ständen fern. Nicht aus Arroganz, sondern weil die Atmosphäre fehlt, in der ein gutes Gespräch wachsen kann – und ich weiß, dass niemand mit mir über die Qualität der Gastlichkeit am Stand sprechen will.

Wie sieht eine „einfache gute“ Lösung aus?

Ich will nicht nur schimpfen. Niemand verlangt ein aufwändiges Catering. Schön, wenn es so etwas gibt, es unterstützt damit auch den Anspruch an Qualität. Manchmal geht es nicht, aus welchen Gründen auch immer. Trotzdem kann lassen sich auch mit ganz schlichten Mitteln ein Mini-Catering umsetzen, ohne einen Wahrnehmungsbruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu erzeugen.

Oft sind es die kleinsten Stellschrauben, die den Unterschied zwischen “Geiz ist geil” und „Willkommens-Kultur“ machen:

  • Haptik schlägt Bequemlichkeit: 0,2-Liter-Glasflaschen signalisieren Qualität. Das geht sogar ohne Spülen.
  • Ehrlichkeit statt Show: Wenn kein Profi-Barista da ist, ist ein ehrlicher Vollautomat oder ein guter Filterkaffee völlig okay. Es muss kein High-End-Spektakel sein, solange das Ergebnis stimmt und die Wertschätzung dahinter spürbar ist.
  • Hygiene mit Stil: Wenn schon Snacks, dann bitte ohne „Wühlkiste“. Salzgebäck in Karaffen, aus denen man sich die Portion in die Hand schüttet oder ein Glas mit einem Löffel versehen sind hygienisch, durchdacht und zeigen: Wir haben uns einen Kopf gemacht.
  • Handarbeit: Und wenn es sich nicht lohnt, eine Spülmaschine oder einen Wasseranschluss zu bestellen – dann werden die paar Tassen eben von Hand gespült. Die Messen stellen in jeder Halle entsprechende Räume zur Verfügung. Auch ich als Barista bin mir nicht zu schade dafür.

Watzlawick gibt die grobe Richtung vor

Mein Fazit: Schon Watzlawick sagte: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Das gilt auch für die Gastlichkeit an einem Messestand. Wer hier spart, spart am Fundament seiner Qualitätsbotschaft. Denn am Ende bleibt die eine, entscheidende Frage:

Wenn wir die reine Informationsvermittlung abziehen – was bleibt dann von einem Messe-Gespräch übrig?

Haben Sie eine Idee? Sehen Sie das genau so oder haben Sie eine ganz andere Meinung? Schreiben Sie mir gern eine Nachricht. Ich freue mich auf den Austausch.